Antworten

31. März 2012 in Piraten

Spätestens nach der Landtagswahl im Saarland wird die Piratenpartei zunehmend als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen. Waren die Piraten nach der AGH-Wahl in Berlin noch die Kleinen, auf die man behutsam und nicht wenig überrascht herabgesehen hat, werden die Wogen nun spürbar rauher. Nicht nur vereinzelte Mitglieder anderer Parteien schießen mit scharfer Munition aufs Piratenschiff, auch in dem Medien wird mitunter kräftig nachgetreten. Man sucht krampfhaft nach Gelegenheiten, bei denen man die Piraten bloßstellen kann. In der Regel wird man dabei auch fündig. Das größte Geschütz, das gegen die Piraten aufgefahren wird, ist ihr Parteiprogramm, das bei oberflächlicher Betrachtung mehr Lücken enthält als Emmenthaler. Der Spiegel spricht gar von der „Ahnungslosigkeit der Piraten“, da ihre Vertreter in Talkshows zu aktuellen Fragen kaum Antworten bieten können. Aktuelle Strategie: Ladet ihre Vertreter zu thematischen Diskussionsrunden ein, bei denen klar ist, dass die dazu keinen Parteibeschluss und ergo also auch keine Ahnung haben.

Ich für meinen Teil hoffe, dass wir auch weiterhin ahnungslos bleiben.

Die Piratenpartei ist keine Programmpartei, die zu allen Fragen und Problemen mehr oder weniger passende Antworten vorlegen können muss (auch wenn Begriffe wie „Netzpartei“ oder „Bürgerrechtspartei“ etwas anderes andeuten lassen). In meinen Augen ist sie vielmehr eine Rahmenpartei: Wir haben eine grobe Richtung, in die wir gehen wollen, der Weg selbst aber ist das Ziel. Nicht das Durchdrücken unserer Antworten ist unser Anliegen, sondern das gemeinsame Finden derselben. Dafür wollen wir Transparenz, damit jeder die Möglichkeit hat zu wissen, was vor sich geht und mitreden kann. Dafür wollen wir Bildung, damit jeder in der Lage ist zu verstehen, was da so transparent vor ihm liegen soll. Dafür wollen wir die Freiheit und den Ausbau der Internet-Infrastruktur, da dieses Medium prädestiniert ist, eine Vielzahl an Informationen bereit zu stellen und weil Menschen darin kommunizieren können, auch wenn sie mitunter mehrere hundert Kilometer Luftlinie trennen. Dafür wollen wir eine Möglichkeit der bedingungslosen Existenzsicherung, damit Leute sich die Zeit nehmen können, an Lösungen mitzuarbeiten, ohne dass sie Angst haben müssen, vor lauter politischem Engagement zu verhungern.

Dass das alles funktioniert, sieht man an den Arbeitsweisen der Piraten: Parteiintern gibt es eine Vielzahl von AGs, die über das Netz Kompetenzen bündeln und Lösungansätze für ganz reale Probleme erarbeiten. Die Sozialpiraten, die AG Bildung, die AG Urheberrecht und viele weitere tragen ihre Kompetenzen im Namen, Liquid Broadcast ist unsere Parteianstalt für politische Aufklärung, die Flaschenpost unser Nachrichtenkanal… die Liste ließe sich beliebig fortführen.

In einer politischen Gesellschaft, wie ich sie herbeiträume, sind vernetzte AGs, gern auch mehrere zum selben Thema, die Ausschüsse der Zukunft. Sie schlagen Maßnahmen vor, die dann entweder direkt vom Bürger oder durch ihre Vertreter (aka Politiker) abgestimmt und verabschiedet werden.

Um das zu erreichen ist der Großteil unseres bisherigen Programmes, mit denen anderer Parteien verglichen, mehr als hinreichend gefüllt, um nicht zu sagen sogar vollsträndig. Was darüber hinaus geht, fahrscheinloser Nahverkehr, Drogenfreigabe, Eierstempel u.ä. ist nur die Spur althergebrachten Denkens, das man beim gemeinen Wähler, aber auch bei einigen Piraten immer noch wiederfindet: dass man erst dann eine richtige Partei sei, wenn man ein möglichst umfangreiches Programm habe. Klarmachen zum Umdenken.

Eröffnungspressekonferenz Leipziger Buchmesse 2012

14. März 2012 in Buchmesse

Mit der Eröffnungs-Pressekonferenz startete vor wenigen Minuten die diesjährige Leipziger Buchmesse. Und diese Pressekonferenz war durchaus aufschlussreich: Der Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, sprach von rekordverdächtigen Ausstellerzahlen, von einem Wachstum von über 8% gegenüber dem Vorjahr und einer ungebremsten Begeisterung für das Medium Buch, die sich unter anderem an der ebenfalls in den Himmel gewachsenen Größe des Lesefests „Leipzig liesst“ niederschlägt.

Keine zehn Minuten später klagt der Vorstehende des Börsenverbandes des Deutschen Buchhandels e.V., Prof. Dr. Gottfried Honnefelder über den ersten bemerkbaren Rückgang bei den Umsätzen der Verlagsbranche und bei der Anzahl der Buchhändler überhaupt und antwortet auf die Frage eines Kollegen Journalisten, was seine Meinung zum in der Schweiz abgelehnten Vorstoß, dort eine Buchpreisbindung einzuführen, angeht, mit den Worten:

Schade und beschissen.

Zum Zusammenhang zwischen Urheberrecht und freiem Austausch von Informationen wiederholte er seine Positionen zum Verhältnis zwischen Urheberrecht und dem freien Zugang zu Wissen und Informationen:

Der Schutz des Urheberrechts und der freie Zugang zum Informationen sind zwei Anforderungen, die sich ergänzen […] Die Freiheit, die eigene Meinung zu äußern und zu publizieren und die Freiheit, über die Verbreitung dieser Äußerung nach Umfang und Dauer selbst entscheiden zu können.

Neu und mit dem Versprechen Interessant zu werden ist hingegen ein für Sonabend angesetztes „Barcamp“ namens autoren@leipzig, welches in diesem Jahr seine Beta-Status erreichen soll. Es handelt sich dabei um eine Tagung von Autoren, die sich (in diesem Jahr zumindest) zum Thema Digitalisierung austauschen wollen.

Eigenwerbung ála Buchmesse klingt, um es mit den Worten von Oliver Zille, dem Direktor der Buchmesse, wiederzugeben, dann so:

Wir haben ein super-tolles Programm, das keine Wünsche (bei mir jedenfalls) offen lässt.

Ebenfalls vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Umfrage unter Autoren und Verlegern, was die Zukunft des Arbeitsverhältnisses Autor/Verlag angeht. Aus der geht hervor, dass wohl auch in absehbarer Zeit der Unterhaltungsliteraturbranche noch am wenigsten eine Gefahr durch fort- und davonschrteitende Digitalisierung droht. Zumindest, was die produzierende Seite angeht. Mehr zu diesem Thema gibt es dann im Laufe der nächsten Tage an anderer Stelle. Links folgen.

Urheberrecht und Modifiziererskopus

11. März 2012 in Linguistik, Netzpolitik

In drei Tagen beginnt die Leipziger Buchmesse. Auf dieser werde ich, mit offiziellem Auftrag ausgestattet, als ein Pressevertreter des der Piratenpartei nahe stehenden Magazins Flaschenpost unterwegs sein und Autoren, Verleger und Gäste Fragen über die aktuelle Debatte zum Urheberrecht sowie zum drohenden „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“ stellen.

Während der Vorbereitung dafür bin ich im Wortlaut des Urheberrechts auf einen Satz gestoßen, der den Linguisten in mir hibbelig werden ließ. Die Stelle findet sich in §53 (1) UrhG, in dem das umgangssprachlich so genannte „Recht auf Privatkopie“ verankert ist:

§ 53 Vervielfältigungen zum privaten und sonstigen eigenen Gebrauch

(1) Zulässig sind einzelne Vervielfältigungen eines Werkes durch eine natürliche Person zum privaten Gebrauch auf beliebigen Trägern, sofern sie weder unmittelbar noch mittelbar Erwerbszwecken dienen, soweit nicht zur Vervielfältigung eine offensichtlich rechtswidrig hergestellte oder öffentlich zugänglich gemachte Vorlage verwendet wird […]

Die Textstellle, die mein interesse geweckt hat, ist die im Zitat orange markierte.

Kurz zum Hintergrund: Das Urheberrecht ist eine Sammlung von Verboten, es legt fest, was man nicht tun darf. Weiterhin sind einige Ausnahmen definiert, wie eben dieses umstrittene Recht auf Privatkopie. Der markierte Teil wiederum ist nun eine Einschränkung von der Einschränkung, er legt also fest, was man bei dem, was man trotz des Verbotes tun darf, nicht tun darf…

Klingt kompliziert. Ist es auch, und noch dazu uneindeutig: Der orange markierte Bereich birgt einen Fall von Skopusambiguität. Der Skopus ist der Bereich, über den ein bestimmtes Element, nennen wir es Kopf, im Satz Kontrolle hat. Im Skopus stehen also die Elemente, die durch den Kopf in irgend einer Weise beeinflusst werden. In einem Satz wie

Der Mann mit dem Fahrrad jagt Peter

hat „der Mann“ Skopus über die Wortgruppe „mit dem Fahrrad“. Diese Präpositionalphrase modifiziert die Bedeutung von „der Mann“: Es ist nicht irgend ein x-beliebiger Mann, sondern „der Mann, der das Fahrrad hat“.

Skopusambiguität ist nun eine Uneindeutigkeit, die dadurch entsteht, dass man nicht sagen kann, welche Elemente denn nun genau im Skopus eines anderen Elementes stehen. In einem Satz wie

Peter jagt den Mann mit dem Fahrrad

ist nicht klar, ob Peter das Fahrrad hat und damit dem Mann hinterherjagt (Lesart 1), oder ob Peter dem Fahrrad fahrenden Mann hinterherhetzt (Lesart 2). Der Skopus wird meist durch eckige Klammern dargestellt, die beiden Lesarten stellen sich dann so dar:

Lesart 1:    [Peter jagt [den Mann] [mit dem Fahrrad]]
Lesart 2:    [Peter jagt [den Mann [mit dem Fahrrad]]]

In der ersten Lesart liegt „mit dem Fahrrad“ außerhalb der Reichweite von „den Mann“, weswegen nur Peter als Besitzer des Fahrrades in Frage kommt. Anders in er zweiten Lesart. Hier liegt „mit dem Fahrrad“ im Einzugsbereich von „den Mann“, die Phrase kann nur seinen unmittelbaren Kopf modifizieren, also fällt die Lesart, dass Peter das Fahrrad hat, raus. Dreh und Angelpunkt ist hier die Phrase „den Mann“; sein Skopus allein entscheidet, ob sich „mit dem Fahrrad“ auf ihn bezieht, oder auf Peter.

Einen ähnlichen Fall von Uneindeutigkeit finden wir im orangenen Satz oben: Der Knackpunkt hier liegt im Skopus von „offentlichtlich rechtswiedrig“.

Lesart 1:    eine [offensichtlich rechtswidrig [hergestellte oder öffentlich zugänglich gemachte]] Vorlage
Lesart 2:    eine [offensichtlich rechtswidrig [hergestellte]] oder öffentlich zugänglich gemachte Vorlage

Zunächst modifiziert die äußere Klammer als ganze die Phrase „eine Vorlage“. Statt offensichtlich rechtswidrig hergestellte oder öffentlich zugänglich gemachte könnte man auch schön schreiben: eine schöne Vorlage. Soweit ist nichts ambig.

Nun ist „offentlichtlich rechtswidrig“ aber selbst auch ein Kopf, bei dem nicht eindeutig ist, wie weit sein Skopus reicht: In der ersten Lesart sind Vorlagen unzulässig, die „rechtswidrig hergestellt“ wrden und darüber hinas jene, die „rechtswidrig öffentlich zugänglich gemacht“ wurden. Nach der zweiten Lesart sind einerseits „rechtswidrig hergestellte“ Vorlagen unzulässig, aber darüber hinaus auch alle (!) Vorlagen, die „öffentlich zugänglich gemacht“ wurden. Beide Lesarten sind hier, in Ermangelung von Skopusklammern im Gesetzestext, gleichermaßen zulässig!

Die rechtlichen Konsequenzen dieser Uneindeutigkeit sind in der Tat weitreichend:

Lesart 1: Hier sind Privatkopien nur dann verboten, wenn die öffentlich zugänglich gemachte Vorlage meiner Privatkopie selbst rechtswidrig angeboten oder wenn diese Vorlage illegal hergestellt wurde. Wenn also ein Freund einen Vertrag unterschrieben hätte, in dem er zusichert, dass er die von ihm gekaufte CD nicht ins Internet stellen wird, und sie dann doch hochläd, dann wäre diese Vorlage rechtswidrig und ich dürfte sie nicht als Vorlage für eine „Privatkopie“ benutzen. Ebenso dürfte ein dritter dann nicht meine „Privatkopie“ dieser CD benutzen um seibst eine „Privatkopie“ zu erstellen, da ja schon meine eigene „Privatkopie“ rechtswiedrig i.S.d. UrhG hergestellt wurde.

Lesart 2: Das ist der weit restriktivere Fall: Hier dürften alle Vorlagen genau dann nicht mehr „privatkopiert“ werden, wenn sie vorher öffentlich zugänglich gemacht worden sind, und zwar unabhägig davon, ob diese öffentliche Zugänglichmachung rechtlich einwandfrei war oder nicht. Einziger Ausweg zur Rettung der Privatkopie wäre hier wohl, den Begriff „Vorlage“ auszulegen, was allerdings noch eine zusätzliche, diesmal lexikalische Ambiguität ins Spiel bringt: Eine im Laden gekaufte CD ist i.d.R. nicht mehr öffentlich zugänglich, bietet sich also als (legale) Vorlage für eine Privatkopie an. In dieser Auslegung ist mit „Vorlage“ das unmittelbare physische Medium, das kopiert wurde, zu verstehen. Ausfallen würden hiermit aber auch alle Medien, die im Internet zu finden sind, da sie dort per se öffentlich zugänglich sind (Streiten könnte man sich wohl, wie es sich mit geschlossenen Plattformen verhält). In der weiteren Auslegung wäre nicht das konkrete Medium die „Vorlage“, sondern das darauf gespeicherte Werk selbst, das ja in dem Moment, wo es auf Plastik, Vinyl oder Zelluloid gepresst und im Handel liegt, öffentlich zugänglich gemacht ist.

Soweit ich weiß, gibt es bezüglich der Auslegung des Skopus von „offensichtlich rechtswidrig“ kein Urteil eines Richters; Anwälte und Rechtswissenschaftler streiten sich in dieser Frage. Die Meisten sind allerdings wohl der Ansicht, dass Lesart 1 anzuwenden ist. Die Contentmafia Vertreter der Verwertungsindustrie scheinen aber Lesart 2 mit der weiten Auslegung von „Vorlage“ zu bevorzugen. Mal schauen, ob ich nicht mehr darüber herausfinden kann, was Verleger über die Privatkopie denken. Auf der Buchmesse.

Pause vorbei, aber (vorerst) ohne Umbau

27. Februar 2012 in In eigener Sache

Vor ein paar Wochen hatte ich angekündigt, die Seite Lupino.org von Grund auf neu zu gestalten.

Nun, ich bin immer noch dabei…

Oder vielmehr schon wieder: Die letzten Wochen habe ich damit zugebracht, XSLT, PHP und die WordPress Engine in einen Topf zu werfen um ein halbwegs praktikables content management system zu schaffen, das mit Subdomains, mehreren unabhängigen Blogs und vor allem ohne aufgesetzte MySQL-Datenbank auskommt.

Inzwischen bin ich jedoch von diesem Plan wieder abgerückt. XSLT ist resourcenfressend und unpraktikabel bei sich oft ändernden Inhalten, wie überhaupt die Idee, die gesamte Datenverwaltung in die Hand einiger hundert XML-Dateien zu legen; WordPress ist extrem unfreundlich gegenüber einem Platz in der zweiten Reihe; und MySQL erscheint mir nach Wochen des Experimentierens als doch nicht mehr so schlimm. Nicht zuletzt hab ich auf Arbeit derzeit so viel mit XML um die Ohren, dass ich nicht auch noch zu Hause damit anfangen muss (curse you, A++!).

Ferner ist mir nun klar geworden, dass der Weg das Ziel ist: Nicht das Erschaffen einer supertollen Bloggingsoftware befriedigt mein Bedürfnis nach kreativ-schaffender Betätigung sondern das Programmieren derer selbst. Das ist gut für mich, doch führt das nicht unbedingt zu einer anwendbaren Plattform, die in vertretbarer Zeit soweit fertig ist, dass man mit ihr arbeiten kann.

Aus diesen Gründen habe ich beschlossen, es vorerst bei dieser WordPress-Instanz zu belassen und hier – fortan wieder häufiger – zu bloggen.

Sicher wird es „irgendwann“ ein neues lupino.org geben, doch werde ich mich in diese Richtung erst wieder äußern, wenn das neue System steht. Was nach meinen Maßstäben von Zeit und Raum in irgendwas zwischen einigen Tagen und mehreren Jahren der Fall sein wird…

Warum -gate?

26. Januar 2012 in Linguistik in der Öffentlichkeit, Linguistische Debatten

Gestern hatten sich gleich zwei Linguistik-Blogs mit meinem Vorschlag für den Anglizismus des Jahres 2011, -gate, beschäftigt. Zum einen hätten wir da Kristin Kopfs Beitrag in ihrem Blog [ʃplɔk] (im Weiteren „Kristin“) und zum anderen Susanne „Suz“ Flach’s1 Beitrag in ihrem Sprachblog */ˈdɪːkæf/ (im Folgenden „Suz“).

Warum -gate?

Zunächst ein paar Worte zur Nominierung und meiner Begründung derselben.

Allem voran freut es mich, dass ich ein wichtiges Ziel, das ich bei der Nominierung im Sinn hatte, bereits etappenweise erreicht habe: Es wird drüber geredet und das mit notwendiger Tiefe.

Der wohl einzige Grund, warum ich die Wahl zum Anglizismus des Jahres überhaupt unterstütze, liegt darin, dass man sie als Aufhänger für eine populärwissenschaftliche Betrachtung sprachwissenschaftlicher Themen heranziehen und damit die Sprachwissenschaft als solche einem breiteren Publikum nahe bringen kann. Meiner Meinung nach eignet sich das Affix (?) -gate dafür hervorragend: Um zu erklären, was es damit auf sich hat, was die Besonderheiten dieses Wortes oder Wortteiles sind, muss man recht tief in die Linguistik einsteigen; und das auf mehreren Ebenen, darunter Morphologie, Semantik, Etymologie, Pragmatik und (vielleicht) Phonologie.

Genau das tun Kristin und Suz, also hätte ich mein Ziel im Prinzip bereits erreicht.

Morphologie

Meine Intuition bei der Nominierung war, dass es sich bei -gate um ein so genanntes gebundenes Morphem handelt. Das sind Wortteile, die nur in Verbindung mit anderen Wörtern oder Wortteilen auftauchen können, aber nicht alleine. Ein klassisches Beispiel dafür wäre die Himbeere. Das ist ein zusammen gesetztes Wort, das aus den Teilen him und beere besteht. Beere ist ein eigenständiges Wort, genauer: ein freies Morphen, d.h. wir können es allein verwenden, wie in Ich esse leckere Beeren, oder es an andere Wörter anhängen:

  • Erd-Beeren,
  • Blau-Beeren,
  • Braun-Bären…

Bei diesen Beispielen sind auch die jeweiligen Erstglieder freie Morpheme, die wir wiederum alleine oder an Anderes angehängt verwenden können:

  • Ich esse blaue Beeren
  • Ich trinke Blausäure
  • Ich esse Erde
  • Ich esse Erdäpfel2

Mit dem him aus Himbeere ist das aber nicht möglich. Dieses him ist an die Tatsache gebunden, dass es nur in Verbindung mit einem anderen Morphem verwendet werden darf, in diesem speziellen Fall sogar daran, dass es an das Morphem beere gebunden ist (Zumindest fällt mir kein heute noch geläufiges Beispiel ein, wo man dieses him noch anders verwenden kann).

Meine Annahme bei der Nominierung von -gate war nun, dass es sich dabei von seiner Natur her um dasselbe wie him handelt: Ein gebundenes Morphem, das man (zumindest im Deutschen) nur in Verbindung mit einem anderen Wort oder Wortteil verwenden kann.

Spätestens seit diesem Artikel in der F.A.Z. vom 21. Januar diesen Jahres weiß ich aber, dass Gate sich inzwischen morphologisch verselbständigt hat, also auch frei verwendet werden kann. Suz geht im Abschnitt Kompositum? ihrer Analyse auf weitere Beispiele für eine freie Verwendung ein und ich würde hier einlenken und zustimmen, dass gate nicht (mehr) zwangsweise gebunden sein muss. Eine hochaktuelle Entwicklung, dennoch.

Semantik

Neben der Frage nach der Wortart von Gate selbst ist auch die nach der Wortart der mit ihm gebildeten Komposita nicht uninteressant. Kristin vertritt die Auffassung, dass mittels -gate gebildete Wörter Eigennamen seien.

Eigennamen gehen mit einigen Eigenschaften einher. Wenn -gate-Komposita tatsächlich Eigennamen sind, sollten sich diese Eigenschaften dort wiederfinden lassen.

Eine Eigenschaft von Eigennamen ist, dass sie sich auf ein fest definiertes Ereignis oder eine feste (möglicherweise ein-elementige) Menge von Individuen beziehen. Namen von Personen beziehen sich auf die damit benannten; Die Oktoberrevolution von 1917 bezieht sich auf eben dieses Ereignis im Russland des ausgehenden langen 19. Jahrhunderts; Patrick Schulz aus Leipzig bezieht sich auf eben die Person, die diese Zeilen hier verfasst hat; Der Watergate-Skandal bezieht sich auf eben diesen Skandal, der den zukünftigen Earth-Präsident, Richard Nixon, dazumal zu Fall brachte. Was die -gate-Komposita betrifft, stimme ich Kristin bei der Analyse der Wortklasse zu.

Doch haben wir oben bereits herausgefunden, dass Gate sich inzwischen verselbständigt hat. Bezeichnet wird damit ein unbestimmtes Element der Menge der mittels -gate benannten Ereignisse oder, im Plural entsprechend, eine (unechte) Teilmenge derselben Menge. Damit gehört Gate zur selben Wortklasse wie beispielsweise das Wort Revolution, welches zwar in Verbindung mit anderen Teilen (wie Oktober, s.o.) durchaus einen Eigennamen bilden kann, selbst aber kein Eigenname ist, sondern schlichtweg eine Bezeichnung für eine Menge von Ereignissen.

Etymologie

Auch die Geschichte von -gate ist eine interessante Sache. Zuerst war da dieser Gebäudekomplex im Herzen von Washington, D.C., das den Namen Watergate complex trug. Dort war in den späten 1960ern und frühen 1970ern die Wahlkampfzentrale der amerikansichen Demokratischen Partei untergebracht. Unter Verantwortung des damaligen US-Präsidenten Richard M. Nixon, einem Republikaner, sollte eine Gruppe von mehreren Einbrechern Abhörwanzen im Komplex installieren. Kurz und knapp, die fünf Einbrecher ließen sich vom Wachschutz erwischen. Der US-Kongress rief daraufhin eine Untersuchungskommission ins Leben, welche die Hintergründe des Einbruchsversuches ergründen sollte und letztlich eine Menge Schmutz an die Öffentlichkeit förderte. Dieser Einbruch im Watergate-Komplex war dabei nur die Spitze des Eisberges, doch gab die dem ganen Skandal ihren Namen: Im Abschlussbericht wurde offiziell von der Watergate-Affäre gesprochen.

Nun war Watergate beileibe nicht der letzte Skandal, den die politische Landschaft zu verantworten hatte oder über sich ergehen lassen musste. Weitere folgten, überall auf der Welt. Aber auch für die brauchte man ein medienwirksames Schlagwort. Was die Benennung von Ereignissen angeht, erst recht, wenn es schnell gehen muss, sind Menschen reichlich unkreativ. Da wird geklaut und gemashupt, dass selbst megaupoad neidisch geworden wäre. Also sprach man vom „deutschen Watergate“ (Zeit, 1973, via Kristin), vom „klein-Watergate“, aber immer noch mit direktem Bezug zum „originalen“ Watergate. Mitunter hat sich das Water aber mehr und mehr verflüssigt und nur -gate ist an fester Substanz übrig geblieben um die vielen neueren Skandale zu bezeichnen, auch im Deutschen. (Für weitere Beispiele sei auf Kristin und Suz verwiesen).

Aus linguistischer ließt sich das wie folgt: Zunächst war da ein fester Eigenname für einen Gebäudekomplex, der sich (möglicherweise zufällig) in zwei Teile zerlegen lässt, nämlich water- und -gate.

Durch ein konkretes historisches Ereignis („Aufdeckung des Einbruchsversuches“) wurde das vermeintiche Kompositum mit einer neuen Bedeutung versehen („den Watergate-Skandal“). Diese neue Bedeutung wurde nun wiederum erweitert und das Kompositum bezeichnete gleich eine ganze Reihe von Ereignissen, die irgendwie an den „Watergate-Skandal“ erinnerten: Watergate hatte seinen Status als Eigennamen vorübergehend verloren und war nun ein produktiv zur Kompositabildung verwendbares Substantiv.

Aus (vielleicht nicht ganz so, s.u.) zufälligen Gründen hat sich dann aber nur -gate durchgesetzt, das diese Rolle als Platzhalter für eine Gruppe von Ereignissen („Skandale“) übernahm. „Zufällig“, weil sich prinzipiell auch, statt -gate, der Bestandteil water- als Platzhalter hätte durchsetzen können.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich auch das Erstglied eines eigennamigen Kompositums in dieser Art verselbständigen kann um in Verbindung mit anderen Wörtern wieder einen Eigennamen zu bilden, ist übrigens Occupy, das von der Bezeichnung Occupy Wallstreet herrührt und ebenfalls als AdJ2011 zur Wahl steht. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen occupy- und -gate liegt meiner Meinung nach darin, dass man Occupy seinen Status als gebundenes Morphem bzw. Teil eines Kompositums der Getrenntschreibung wegen nicht ansieht.

Pragmatik

Doch zurück zum gate. In meinem Nominierungskommentar hatte ich angegeben, dass man mit ihm gebildete Komposita hauptsächlich verwendet, um die Angewohnheit mancher Medien zu persiflieren, dass irgendwelche Ereignisse zu Skandalen aufgebläht werden, die eigentlich keine sind.

Sollte dies stimmen, hätte -gate eine weitere Bedeutungsveränderung durchlebt: Weg vom echten Skandal und hin zum künstlich erzeugten.

Kristin wies (richtigerweise) darauf hin, dass dies nicht ganz der Wahrheit entspricht: -gate wird nach wie vor auch dazu verwendet, echte Skandale als solche zu benennen.

Was die Pragmatik, also die „Wissenschaft“ von der Verwendung sprachlicher Ausdrücke, angeht, eröffnen sich auch hier interessante Untersuchungsfelder. Meine Einschätzung war meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Ich bin viel auf Twitter unterwegs und folge dort hauptsächlich zwei Gruppen von Twitterern: Linguisten und Piraten. Letztere haben seit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus eine ungeahnte Medienaufmerksamkeit erfahren. Aufgrund ihres gelebten Verhältnisses zu Offenheit kommen von denen weit mehr Fehltritte an die Öffentlichkeit als von anderen Parteien, meist harmlose Geschichten, die aber breit durch die Medien getragen werden. Piraten wissen selbstverständlich um diesen Umstand und machen sich nicht selten darüber lustig. Dies geschieht (u.a.) dadurch, dass diese an sich schon künstlich aufgeblähten Skandälchen ironisierend noch weiter aufgeblasen und zu „Publicity-Katastrophen von Watergate-ähnlichen Ausmaßen“ erklärt werden.

Außerhab des Piratenschiffes jedoch hat sich diese überspitzende Verwendung von -gate-Komposita augenscheinlich noch nicht so stark durchgesetzt.

Das ist aus pragmatischer Sicht interessant, da man hier die Registerabhängigkeit einer Wortverwendung sehen kann. Als Register bezeichnet man in der Pragmatik den außersprachlichen Kontext, in dem eine sprachliche Äußerung getätigt wird: Wer Pirat oder den Piraten medienkritisch nahestehend ist, verwendet -gate-Komposita (i.d.R.) ironisierend, alle übrigen verwenden sie in ihrer ursprünglichen Lesart. (Achtung, stark vereinfachte Darstellung!)

Eine weitere interessante Frage wäre hier, ob diese ironisierende Nebenbedeutung auch im englischen Sprachraum zu beobachten ist, wo -gate ja herkommt.

Phonologie (?)

In meiner Nominierung habe ich die Vermutung geäußert, dass gate-Komposita auch aus phonologischer Sicht interessant sein könnten. Mein Beispiel war Guttengate, der „Skandal“ um die Benennung von Herrn von und zu Guttenberg als Berater der Europäischen Kommission für Fragen, „wie Internetnutzer, Blogger und Cyberaktivisten in autoritär regierten Ländern auf Dauer unterstützt werden können“ (wobei ich mir hier ob der intendierten Lesart von -gate nicht sicher bin…). Ich fand auffällig, dass man nicht *Guttenberggate sagt, sondern guttengate und vermutete, dass -gate ein Morphem ist, das sich an höchstens zweisilbige Wörter anhängt.

Kristin schlug aber eine alternative Erklärung für den Vorzug von Guttengate gegenüber *Guttenberggate vor, die auch mir im nachhinein plausibler erscheint: Es ist eine Analogiebildung zum etablierteren Guttenplag (-Wiki), das damals bei der Aufdeckung des Freiherren dunkler Machenschaften mediale Aufmerksamkeit erlangte und sich im lexikalischen Gedächnis der Sprecher festgesetzt haben dürfte. Auch erscheint mir ein Wort wie Piratengate trotz seiner Mehrsilbigkeit nicht zwangsweise unwohlgeformt; meine überstürtzte Vermutung phonologische Beschränkungen betreffend war also tatsächlich falsch.

Wo die Phonologie allerdings eine (nebengeordnete) Rolle gespielt haben könnte, wäre die Entscheidung, warum sich ausgerechnet -gate durchgesetzt hat und nicht etwa water-. Neben der Tatsache, dass „water“ an sich im englischen viel frequenter ist als „gate“, könnte hier eine Rolle spielen, dass gate mit nur einer Silbe kürzer ist als water und deswegen eher dazu tendiert sich zu verselbständigen als der längere, weil zweisilbige, Bestandteil „water“. Auch hier könnte -gate ein Ansatzpunkt für die Frage sein, ob bei solchen Abspaltungen die (autosegmentale) Länge des sich verselbständigten Teiles tatsächlich eine Rolle spielt, oder nicht.

Zusammenfassung

Es sind nun vier Stunden, sieben Tassen Kaffee und sechs Bildschirmseiten in der voreingestellten Bonsai-Schrift vergangen und ich habe nicht einmal die Oberfläche dessen angekratzt, was man vom Morphem oder Wort -gate ausgehend an sprachwissenschaftlichen Themen anreißen könnte:

  • Man könnte was über gebundene Morpheme schreiben, wie sie entstehen (Das him aus Himbeere stammt z.B. von mhd. *hinde, Hirschkuh ab, ein Wort, das heute allenfalls noch Jägern bekannt sein sollte; Eine Himbeere ist also wörtlich eine Hirschkuhbeere), welche Eigenschaften sie haben, usw.
  • Man könnte von -gate ausgehend über die semantischen Eigenschaften von Eigennamen schreiben und wie, im Fall von komplexen Eigennamen, aufgebaut sein können; Welche Eigenschaften die Bestandteile eines komplexen Eigennamen haben…
  • Welche Entwicklungen ein Wort wie „Watergate“ durchmacht, bevor es zerlegt, verändert und abgewandelt in unserer Sprache als registerabhängiges Morphem für eine ironisierende Lesart verwendet wird;
  • Welche Rolle phonologische Eigenschaften bei Entlehnungen spielen oder auch nicht…

Anglizismus des Jahres 2011?

Zuletzt noch ein paar Worte bezüglich der Eignung von -gate als AjD2011.

Gerechtfertigter Weise wenden sowohl Suz, als auch Kristin, als auch einige Kommentatoren ein, dass -gate mindestens seit 1973 im Deutschen verwendet wird und damit nicht aktuell genug ist, um als AdJ 2011 in Frage zu kommen.

Die Idee, -gate zu nominieren, war, wie oben bereits erwähnt, meinen Twitter-Aktivitäten geschuldet. Dort konnte ich kurz nach der Berlinwahl und der damit verbundenen Medienaufmerksamkeit um die Piraten einen (gefühlten) sprunghaften Anstieg der Verwendung von -gate in der Ironie-Lesart beobachten. Gut möglich, dass diese Entwicklung nur von Leuten nachempfunden werden kann, die die entsprechenden Kanäle verfolgen.

Blendet man Piraten und Piratenähnliche aus, dürfte sich zunächst an der Art der Verwendung und an der Häufigkeit des Auftretens von -gate anno 2011 nicht allzu viel verändert haben.

Betrachtet man auf der anderen Seite nur Piraten und -ähnliche, ist die Häufigkeit im letzten Drittel des Jahres geradezu expoldiert, einhergehend mit dem explosionsartigen Anwachsen der Aufmerksamkeit, die der Partei und ihren Mitgliedern nach Berlin zu Gute kam und dem ebenso schnell wachsenden Aufdecken von kleineren Sauereien seitens der Parteimitglieder.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht behaupten, dass -gate nur von Piraten, nur ironisierend oder auch nur in Bezug auf die Skandälchen der Partei verwendet wird; doch waren sie die ersten, die -gates in inflationärem Unfang verwendeten, weil sie die ersten waren, die derart oft ein künstliches mediales Aufblasen ihrer Fehltritte verkraften und verarbeiten mussten.

Vielleicht ist genau das ein Argument gegen Adj2011, aber ich prophezeie mal, dass -gate in diesem Jahr noch weit öfter ironisierend verwendet werden wird als noch in den vergangenen Jahren, und das nicht nur von Piraten.

Alternativen?

Auch schon oben kurz erwähnt, sehe ich, was die hier dargelegten Gedanken zum Skandalisierungsmorphem angeht, keinen Unterschied zwischen „-gate“ und seinem Konkurrenten „Occupy“, außer dem der Schreibung (Die relative Ordnung der Bestandteile damit gebildeter Komposita lasse ich mal außen vor…).

Dass ich -gate vorgeschlagen habe, lag schlicht daran, dass mit occupy jemand schneller war. Was die formalen Eigenschaften angeht, kann man alles, was ich hier und anderso über -gate geschrieben habe, 1:1 auf occupy übertragen (’till there’s evidence to the contrary).

Realistisch betrachtet ist Occupy damit mein persönlicher Favorit für den AdJ2011, icht zuletzt weil sich hier nicht die Frage nach der Aktualität stellt, auch wenn ich, anders als bei -gate, befürchte, dass „Occupy“ mit dem sich abzeichnenden Ende der dahinerstehenden Bewegung ebenfalls wieder aus dem produktiven Sprachschatz verschwinden wird. Nicht zuletzt kann man „occupy“ folgerichtig gleichermaßen als Basis für populärwissenschafltiche Linguistik benutzen wie -gate.

Und nur darum geht es (mir) bei der Wahl zum AdJ.


  • 1 Das Deppenappostroph hier, damit man nicht /flaks/ ließt…
  • 2 aka „Kartoffeln“

Umbaupause

12. Dezember 2011 in Allgemeines

Es ist ruhig geworden die letzten Tage, Wochen… na gut, Monate hier. Der Grund ist simpel. Die Seite lupino.org wird im Moment grundsaniert, bekommt etwas mehr Struktur und Ordnung sowie ein anständiges Design.

Da WordPress, die zu Grunde liegende Blogging-Software, in der neuen lupino.org-Version noch weiter in den Untergrund rücken, dabei hinter einer selbstgemauerten Wand aus XML, XSLT, PHP und CSS verschwinden soll und der Code von wordpress… sagen wir mal: nicht gerade dafür geschaffen ist, einen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen, wird sich der Umbau insgesamt wohl noch ein wenig hinziehen. Ich rechne damit, dass die neue Aufmachung mit Beginn des neuen Jahres arbeitsfähig sein wird.

Wer den jeweils aktuellen Entwicklungsstand mitverfolgen will, kann das auf test.lupino.org tun.

Ich habe ein Problem mit Firefox

18. Oktober 2011 in Kurioses

…genauer mit der zeichenkodierung. Aus irgendeinem Grund bietet Firefox mir seit einiger Zeit chinesiche Schriftzeichen als Standardschriftsatz an, wenn ich bestimmte Seiten aufrufe, die er so lange beibehält, bis ich die Zeichenkodierung manuell auf UTF-8 stelle. Auch wenn das Häkchen bereits dort ist.

Jedenfalls nichts, womit ich nicht leben könnte. Manchmal, ganz selten, ringt mir diese kleine Fehleinstellung aber auch ein leichtes Schmunzeln von den Lippen, so heute, als ich Tirsales (Alias Sebastian Nerz) Statement zu den NPD-Flüchtlingen bei den Piraten lesen wollte:
Screenshot Tirsales' Blog

(von hier via @Loreena1968 via @Afelia)

Es würde mich sehr trösten, wenn ich nicht der einzige bin, den solche Sicherheitshinweise manchmal spanisch chinesisch vorkommen…

Der Bundestrojaner: Ein Gaul im Wolfspelz

10. Oktober 2011 in Netzpolitik

Da geistert es heute schon den ganzen Tag durch Blogs, Twitter und die übrigen Medien: Der Chaos Computer Club hat ein paar der so genannten Bundestrojaner geknackt und einiges an Details in die Öffentlichkeit abgesondert, hier eine Kurzzusammenfassung des Wichtigsten (via netzpolitik.org).

Dass man ihn als Dritter (d. h. als nicht-B/LKAler oder mutmaßlicher Delinquent) leicht fernsteuern kann, dass er als Schlüssel für die Kommuikation zum Zielserver hin die Sequenz C3PO-r2d2-POE nutzt (Ein Schelm, wer jetzt an „Star Wars“ denkt) oder dass dieser Zielserver bei einem privaten Anbieter in Ohio (USA) steht, sind nur ein paar wenige der Details, die man über den „Bundestrojaner“ im offiziellen Report com CCC nachlesen kann.

Die Empörung folgt sogleich: Fefe schwadroniert in seinem üblichen Stil und empört sich (zu Recht, wie ich finde) über die zurückhaltende Reaktion bei den Piraten, die üblichen RA-Blogger Stadler und Vetter sezieren die vermutete Nicht-Vereinbarkeit der Software mit dem Grund- und anderen Gesetzen und auch das obligatorische Statement der Netzpolitiker darf natürlich nicht ungenannt bleiben.

Markus Beckedahl von Letzteren schrieb heute (okay, gestern…) Nachmittag:

[…]Man kann sich natürlich auch vorstellen, wie die Trojaner-Software programmiert wurde: Wahlweise als Ausschreibung, bei denen Behörden das günstigste Angebot gewählt haben oder selbstprogrammiert von den IT-Experten bei den Sicherheitsbehörden. […] Auch ein Kombination kann man sich vorstellen, dass die Software von einem privaten Anbieter kam und dann niemand in den Behörden in der Lage war, die Sicherheitslücken und die Verfassungswidrigkeit zu erkennen. […]

Ich wäre sehr vorsichtig mit Mutmaßungen, dass die Mitarbeiter des Innenmisinieriums oder wahlweise der Kriminalämter allesamt und ausnahmslos so blöd sind, ein derart stümperhaft geschriebenes und so überhaupt nicht mit den Grundrechten zu vereinbarendes Programmchen allen Ernstes nur zu dem Zweck verbreiten böse Jungs auszuspionieren und ihre eigene Dummheit dann noch nicht einmal merken.

Der moderne Überwachungsstaat überwacht seine Bürger nicht, indem er ihnen auf die Finger oder in den Computer reinschaut, er überwacht ihn durch das Schüren von Ängsten, die ihn berechenbar machen. Er schaut ihnen in die Köpfe.

Ein Teil der Leute, die sich bisher nicht von Horrorgeschichten über Terroranschläge, Tränendrüsendrücken beim Jugendschutz oder drohender Strafverfolgung beim Musikkopieren haben einschüchtern lassen, werden nun Schweißausbrüche bekommen, wenn sie daran denken, welche Hintertüren in der Hintertür in einem vom BKA eingeschleusten Programm ihre virtuelle Integrität stören könnten. Auch vor der Imkompetenz, egal, ob berechtigt, kann man sich fürchten. Einen Eindruck dieser Furcht bekommt man, wenn man sich die vielen Beiträge zum Thema anschaut. Mich würde es nicht wundern, wenn die geheimnissvollen Whistleblower, die ihre Festplatten an den CCC geschickt haben, letztlich ihre Gehaltschecks vom BKA beziehen (Ist das jetzt eigentlich eine Verschwörungstheorie?).

Markus Beckedahl hat also völlig recht, wenn er weiter schreibt:

Es ist dieses diffuse Gefühl der Angst und Ohnmacht

Mission accomplished, Herr Innenminister!

Die Sache mit der Einen Sprache

28. September 2011 in Linguistische Debatten

In einem meiner vorherigen Posts habe ich die Frage in den Raum geworfen, ob man zu Treffen linguistischer Aussagen mehrere Sprachen braucht, oder ob es ausreicht, sich auf eine oder wenige Einzelsprachen zu stützen. Um es vorweg zu nehmen: Ich werde diese Frage hier (noch) nicht beantworten, ich möchte hier nur eine mögliche Motivation für die „Eine-Sprache-reicht“-Variante erläutern. Read the rest of this entry →

Zwischenstop (4)

20. September 2011 in Allgemeines

Immer wieder erstaunlich finde ich die Tabelle, über welche Suchbegriffe die Leute hier so landen.

Die bisherigen Highlights:

  • lupino
  • lupino.org
  • freiheit
  • comic autistisches kind (?)

und mein absoluter Favorit:

  • angeritzte Halsschlagader (?!?)

Up: ich frag mich, welche Leute sowas in die Suchmaschine eintippen. Die einfachere Lösung wäre: Notarzt rufen!